Eine Strasse und ihre Geschichte…

Die Konstanzerstrasse – einst besonders bei den Grenzgängern beliebte Einkaufsstrasse im Westen von Kreuzlingen, heute eine für Schweizer Verhältnisse ziemlich heruntergekommene Gegend mit leerstehenden Läden. Der mittlerweile weggezogene Migros-Markt, im Volksmund auch bekannt als „Schwaben-Migros“, war zu seinen besten Zeiten bei den Deutschen so beliebt, dass er an manchen Einkaufstagen zwischenzeitlich geschlossen werden musste. Die einkaufswütigen Grenzgänger konnten erst wieder hinein, wenn genügend Nudel- und Schokoladen-Touristen nach ihrem Einkauf vollbeladen aus dem „Schwaben-Migros“ herauskamen. Heute steht das grosse Gebäude genauso leer wie viele andere. Selbst der vielgeschossige Neubau namens „Garden-City“ konnte die Konstanzerstrasse noch nicht zu neuem Leben erwecken. Auch hier sind die meisten Ladenflächen im Erdgeschoss bislang ohne Mieter geblieben.

Bis in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts stand hier das Stadion an der Konstanzerstrasse, welches in seinen letzten 20 Jahren „Grenzland-Stadion“ genannt wurde. Gleich gegenüber die heute ebenfalls nicht mehr existente Seifenfabrik Schuler, der damalige Garant der FCK-Erfolge. In den besten Jahren der Grenzstadt-Kicker und der Seifenfabrik entstand 1932 mit dem „Apollo“ ein weiteres markantes Gebäude in Form eines Kinos an der Konstanzerstrasse. Western und Krimis liefen hier bis in die siebziger Jahre, zumeist auf italienisch, den vielen Emmigranten aus dem südlichen Nachbarland geschuldet. Der im „Apollo“ ebenfalls auftretende Hypnotiseur Sabrena sorgte bei Gastarbeitern und Einheimischen gleichermassen für aufsehen. Heute erinnert an die schillernde Film- und Traumwelt des Apollo’s nur noch die ausser Betrieb gesetzte Neonröhreninstallation. In den letzten Jahren wurde der Preisdruck der Konstanzer Kinos zu gross und mit Schmuddelfilmen wollte sich der Besitzer nicht über Wasser halten.

Am anderen Ende der Konstanzerstrasse, am Emmishofer Zoll, geht es rechts in die Grenzstrasse. Dort hatte man weniger Probleme mit dem Schmuddel-Image, eine Handvoll mehr oder weniger in rotes Licht getauchte Lokale lebten ganz bequem davon. Eine Kleinstadt-Rotlichtmeile in Miniatur, wie es sie in der gutbürgerlichen Thurgauer Kleinstadt-Welt der siebziger und achtziger Jahre wohl nur so nahe an der Grenze geben konnte.

Man sagt die Menschen an der Konstanzerstrasse seien von einem besonderen Schlag. Laute Musik wurde hier immer gerne gehört, im Rock-Café und später im Temple of Music oder in der Roxy-Bar, einem kleinen Rockabilly-Laden. Man muss auffallen um sich die Leute hierher zu holen, an eine Strasse die bezeichnenderweise nach dem nächsten Ort benannt ist. Laute Musik, die besten Zigarren wie bei Portmann, man muss Träume bedienen auf der Leinwand oder in schummrigen Bars oder man muss schon immer da gewesen sein – wie Angelo Mancuso mit seinem kleinen Friseur-Salon.

Irgendwann gingen die besten Jahre an dieser Ecke vorüber. Die Musik blieb, der weit über die Grenzen hinaus bekannte Tabak-Laden von Urs Portmann und der Barbier aus Italien.

In den letzten 30 Jahren hat sich nicht viel verändert im kleinen Salon an der Konstanzerstrasse 5. An dessen Gebäude nichts mehr gemacht wurde seit die Migros weggezogen ist. An den Wänden und in der Vitrine hängen und liegen alte Fotos und Andenken aus vergangenen Zeiten, von den grossen Tagen des AC Milan, von Vespas und der heiligen Jungfrau – und vom FC Kreuzlingen. Der Barbier Angelo Mancuso war selbst lange Jahre im Vorstand und Sport-Chef, sein Bruder Franco ein wieselflinker Spieler der Grün-Weissen, noch heute schwärmt der Bruder: „in jedem Spiel mindestens zwei Tore!“ Wenn man bei einem Haarschnitt oder einer Bartrasur Fussball anspricht, ist man auf der sicheren Seite. „Ich bin ein Fanatiker!“ heisst es dann gleich und es wird geschwärmt von alten Tagen und schon bald werden Schuhkartons mit alten Zeitungsausschnitten hervorgesucht. Auch alte handgeschriebene Statistiken kommen stapelweise zum Vorschein, von jedem Spiel und jedem Training. Es wurde genau Buch geführt über jedes zu späte kommen der Spieler, „einen Franken pro zu spätem Erscheinen!“, -gezahlt hätten sie dann doch nicht. Irgendwann sei den jungen Heisspornen der Erfolg etwas zu Kopf gestiegen. Das damals als 2. Mannschaft figurierende Team des FC Kreuzlingen-Italica wollte aufsteigen, dort versperrte ihnen aber die 1. Mannschaft des FCK den Weg. Es folgte der Austritt aus dem Verein und die Neugründung als AS Nuova Italica und später AS Calcio Kreuzlingen. Vorbei waren die gemeinsamen Zeiten im Hafenareal. Die alten Italiener, welche auch in der 1. Mannschaft des FCK’s Erfolge feierten, trauerten der Zeit noch etwas nach – aber so ist der Lauf der Dinge. Der Italienerverein spielt übrigens noch heute eine Liga unter dem Stadtverein. Überhaupt die alten Fussballzeiten, 700, 800 Zuschauer seien es bei jedem Spiel gewesen und Tausende waren es beim Fussball in Konstanz – gegen Singen oder die DJK. Der Barbier gerät ins schwärmen: „das Bodenseestadion in den 50ern, dass war für mich damals schöner als in Mailand, die Bäume, der See, das herrliche Grün des Rasens!“ Aber Ehrensache, dass man auch heute noch zum Fussball geht, manchmal auch zwei Spiele an einem Tag, zuerst der FCK und danach Calcio. Bratwurst und Salsiccia. Dann wird noch immer diskutiert über falsche Aufstellungen und alte Heldentaten – auf den Fussballplätzen und am Montag im Salon an der Konstanzerstrasse, so ist es bei Fanatikern!

Vor kurzem zog ein Büro für Werbe- und Grafikdesign an der Ecke Konstanzer- / Grenzstrasse ein. Man spüre hier Potential und Kreativität, es sei fast ein ganz, ganz klein bisschen so wie damals im Londoner Soho. Viele Kreuzlinger sehen die Welt nicht mit den Augen eines Werbebüros und der Barbier möchte nur das die Strasse vor seinem Laden endlich geflickt wird, aber eines ist sicher, an der Konstanzerstrasse wird es schon irgendwie weitergehen…

Konstanzerstrasse

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