Ein Fanzine-Bogen von damals bis heute

Ich bin ein Kind der Fanzinegeneration. Diese kleinen Hefte von Fussball- und Musikenthusiasten hatten es mir in den 90ern angetan und boten mir in einem Umfeld aus Fussball, Stehtribünen und Oi!-Konzerten eine Heimat in geschriebener Form. Leicht kam man nicht an die Hefte, am ehesten durch Briefkontakte oder als begehrtes Mitbringsel aus fernen Bundesliga-Städten. Zuerst kam ich in Dortmund mit der BUDE in Kontakt, es folgten der ERWIN aus Offenbach und natürlich die ganzen Hefte aus St. Pauli: das MILLERNTOR ROAR! oder der SPLITTER etwa – und dann gelangte über irgendwelche Wege die BAUFRESSE aus Berlin zu mir. Im Untertitel hiess es: Andreas Gläsers Schreibanfälle aus der Zeit zwischen Januar 98 und Juli 99. Was für Geschichten, über den alltäglichen Familienwahnsinn, über das Wettbüro „Goldesel“ etwa oder über einen „Abend mit Harry“ – legendäre Geschichten für mich. Nun wusste ich, die Strassenliteratur hatte mehr zu bieten als Fussballgeschichten. Beworben wurden im Heft allerlei interessante Läden wie das „Schall und Rauch“. Ich reiste sogar nach Berlin, im Rahmen des Potsdamer Skafestes, und suchte das „Schall und Rauch“, es blieb aber selbiges. Während über die Zeit alle anderen Hefte bei mir zuhause leider verloren gingen, hob ich die BAUFRESSE immer auf, trotz meiner 12 Umzüge in 16 Jahren.

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Ein Dutzend Jahre später entstand persönlicher Kontakt zu Andreas. Er schrieb immer noch, Bücher und Romane, eine Kolumne im EHC Eisbären-Fanzine EIS-DYNAMO (Gläsers Globus) und natürlich  im ZUGRIFF! vom BFC Dynamo. Es folgte eine Lesung in Kreuzlingen bei Pasquale im Hörnli Irish Pub. Andreas legte am nächsten Tag in der Pause eines FCK-Spiels Reggae und Trio auf, nächtigte in der Kreuzlinger Palme, sah ein Blasmusikspiel in der Konstanzer Altstadt und einen Angriff von Nachwuchshooligans des FC Biel-Bienne auf der Winterthurer Schützenwiese. Nun wollte man auch mal Dynamo sehen und so folgte der Gegenbesuch in Berlin. Am Alexanderplatz trafen wir Andreas, an einem Hochhaus wehte die BFC-Fahne über uns. Wir assen Schwarzbrot zum Frühstück, spielten mit Emil Tipp-Kick und fuhren mit der Strassenbahn zum Ruhmreichen. Der Gegner hiess Altlüdersdorf und es nieselte. Frank Willmann schrieb im Tagesspiegel über glückliche Schweizer in der Oberliga.

Gläsers neues Werk nennt sich „Knuts Opa war Nazi„. Nebst einem limitierten und nummerierten Heft für 3,33 Euro im Abbau-Verlag (der Aufbau-Verlag zog es vor einen Bunker zu bauen) erschien auch eine nummerierte und limitierte MC und LP. Im Heft gibt es Gläsers Geschichten von 2005 bis 2013 zu lesen, etwa die „Malteser Hafenrundfahrt“ oder eine Geschichte über Gläsers Saxopohnspiel auf der Gegengeraden (kannten wir schon von der Lesung in Kreuzlingen). Sehr gelungen auch „Das Karussell des Clowns“, diese Vergnügungsmaschine werde ich nun mit anderen Augen sehen. Der literarische Spaziergang weiss ebenfalls zu gefallen, hätte ich den Text vorher gekannt, hätte selbiger mich spätestens dann zu meinem Text über die Konstanzerstrasse („Eine Strasse und ihre Geschichte“) inspiriert. „Schöner singen!“, die Geschichte über den kurzzeitigen und erfolglosen Gesangsverein mit selbigem Namen, ist nach der Veröffentlichung im Zugriff! jetzt ungekürzt zu lesen und das „Unter Brillenschlangen“, wird bei schlecht Sehenden Erinnerungen an den ersten Brillenkauf wecken. Ob das wieder an die alten Texte heranreicht? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall hat mir das Heft grossen Spass bereitet. Aber da sind auch noch die Tonträger, Andreas liess mir die LP zukommen. Seit ich in meinem 78er-Audi einen CD-Spieler eingebaut habe, verfüge ich über kein Kassettenabspielgerät mehr. Die schön gestaltete Langspielplatte (steeltownrecords, STR-020, limitiert auf 300 Stück) auf schwerem, weissem Vinyl, bietet eine literarische und musikalische Seite. Auf ersterer gibt es die Geschichte „Knuts Opa war Nazi“ zu hören, in Printversion auch im Heft zum nachlesen, ein schön und flott vorgetragenes Stück über einen Geburtstag, Eisbären und Umzug vom Prenzlauer Berg in die Plattenbauperipherie (inklusive dem Klassiker, man ladet Umzugshelfer ein, die nichts von ihrem Glück wissen). Die musikalische Seite, ebenfalls ein Gemeinschaftswerk, hat auch einiges zu bieten. Geschickt gehen Arbeiterlieder (Stempellied, Lied für Kampf und Freizeit), Oi!-Musik (Skinheads und Heroin – das schöne Mädchen wusste nichts von alledem) und Trinkerlieder (Wir kriegen unser Leben schon irgendwie rum) Hand in Hand. Schöne Stunden sind garantiert.

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