Alptraum in Rüti

Es gibt ein halbes Dutzend Ortschaften namens Rüti in der Schweiz, vielleicht hätte man sich besser verfahren an diesem Sonntag, aber der Reihe nach. Ähnlich wie bei Kreuzlingen gehen die Ursprünge der Gemeinde auf ein Kloster zurück und wie bei Kreuzlingen wuchs die Ortschaft erst in den letzten 100 Jahren zur Stadt heran und zählt heute knapp 12’000 Einwohner.  Hauptsponsor des Aufsteigers ist die 1904 in Rüti gegründete Möbelfabrik Embru. Dem Design-Freund ist diese Firma etwa durch den Altorfer Stuhl bekannt (der berühmte Spaghetti-Stuhl, Stichwort Schweizer Moderne). Die Fussballvereine traten erstmalig gegeneinander an und somit war auch die Schützenwiese an der Scheibenstrasse Neuland für die spärlich anwesenden Kreuzlinger Fussballfans. Der FC Rüti ist einer dieser gut geführten Vereine, die irgendwann durch ein paar ausgesprochen starke Jahrgänge des eigenen Nachwuchses hochgespült werden. Ihr ausgezeichneter Stürmer Taulant Syla (17 Treffer) bildet mit seinem Vorbereiter Pascal Waser ein kongeniales Duo, welches im Quartier hinter der Schützenwiese aufwuchs und von Kindesbeinen an zusammen spielte. Noch konnte Syla den Verlockungen der finanzstärkeren Vereine widerstehen, vor der Saison versuchte es etwa Kosova Zürich, man darf gespannt sein, wie lange er an der Scheibenstrasse zu halten sein wird. Der 1930 gegründete FC Rüti erlebt seine beste Zeit, zu den Spielen kommen regelmässig 300, 400 Zuschauer (auch gegen Kreuzlingen waren es mindestens so viele), und sie sehen „ihre“ Jungs spielen. Es erinnert ein wenig an den FC Kreuzlingen meiner Kindheit (80er-Jahre), auch vom Publikum her. Solche Vereine gibt es nur noch selten im interregionalen Fussball und der FC Rüti kann stolz darauf sein.

rüti 1

Für Kreuzlingen wurde der Ausflug zum Aufsteiger zum Alptraum. Ich erspar mir ein spielerisches Urteil zur ersten Hälfte (Spielberichte), dass Resultat spricht für sich. Nur soviel zur zweiten Hälfte: Nach der Pause begann es vielversprechend, Kreuzlingen nahm das Spiel in die Hand und der eingewechselte Beran riss Löcher in die Defensive der Zürcher. Beim ersten Konter der Gastgeber konnte Kessler aber nur noch in Extremis klären, woraus ein Elfmeter plus Rote Karte folgten. Infolge eines fehlenden Ersatztorwartes (eine Geschichte für sich) musste Wilhelmsen ins Tor, der Mist war da zwar schon geführt, es stand 5:2, aber jetzt sollte es noch ganz dick kommen. Wenn die Einheimischen mit einem zu diskutieren beginnen, ist dies ein untrügliches Zeichen, suchen diese plötzlich freundlich Kontakt, steht es auf dem Spielfeld meist ganz bitter. 6:2, 6:3, 7:3, 8:3 und Ende. Für einmal war das nicht der HC Thurgau sondern der FC Kreuzlingen. Was für eine Schmach für den Tabellenführer beim Aufsteiger. Es wird noch einiges über dieses Spiel zu reden geben.

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VIP-Plätze auf dem Hochhaus.

rüti 2

Altrocker, Stumpenraucher, Balkanstürmer: Beim FC Rüti findet man ein buntes Publikum.

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9 Antworten zu Alptraum in Rüti

  1. Herr Elfmeterpunkt schreibt:

    Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass die beiden Vereine bereits in den 80er-Jahren in der 1. Liga gegeneinander gespielt haben und nicht erst heute. Ob es davor schon Begegnungen gab, weiss ich allerdings nicht. Rütis jetzige Zeit ist eine gute, aber von der Ligazugehörigkeit nicht die beste. Der Verein gehörte viele Jahre der 1. Liga an und spielte sogar eine Saison in der damaligen Nationalliga B (1982/83). Auf der Facebook-Seite des FC Rüti findet man ein Foto des damaligen Aufstiegsteams in hellblauen Trikots mit Bio-Strath-Werbung (Fotos -> Alben -> tempi passati).

  2. Stimmt, in den 80ern spielten beide schon gegeneinander in der 1. Liga. Zum Glück habe ich so aufmerksame Leser. Gar nicht bewusst war mir das NLB-Jahr des FC Rüti, so etwas spannendes müsste auf der Homepage des FC Rüti zu finden sein, schade. Es reichte zwar nur zu fünf Punkten, aber einmal in der Nationalliga gespielt zu haben, dies kann man einem Verein nicht mehr nehmen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_Fussballmeisterschaft_1982/83

  3. Bruno Neidhart schreibt:

    Der befreiende Blick vom „Bachtel“ (1115 m – habe die Höhe zweimal erwandert) geht südlich nicht nur in die helvetisch-hohen Berge, sondern auch über „Rüti“ hinweg zum „Obere Zürisee“. Nördlich vom „Bachtel“ liegt das (innere) „Girenbad“ (779 m). Hier wurden bereits im 16. Jahrhundert u.a. Rheumatiker glücklich gemacht. Achtung: Es gibt auch noch ein „Äusseres“ – oberhalb Turbenthal, dem Thurgau näher! Zurück jedoch zum „Inneren“: 1942 starb in diesem abgeschiedenen kleinen Dörfchen der damals berühmte lyrische Tenor Joseph Schmidt („Ein Lied geht um die Welt…“). Als „frei Eingereister“ (Jude) durfte er nicht bei Bekannten in Zürich bleiben. Man brachte ihn in das „Internierungslager Girenbad“ (altes Fabrikgebäude, brannte später ab). Bald wurde er ernsthaft krank und starb in der Wirtschaft „Waldegg“ in der „warmen Stube“, die ihm die Wirtin beherzt täglich zum Ausruhen zur Verfügung stellte (Tafel an der Hauswand). Dass noch 1961 in Girenbad eine „Rodel-Europameisterschaft“ stattfand, ist aus dieser Ecke des Zürcher Oberlandes auch so ein ziemlich unbekanntes Ereignis. Anscheinend lag damals genügend Schnee und die Klimaveränderung fand noch nicht statt?!
    Ich wollte eigentlich über Rüti und Fussball schreiben. Aber was soll ich dazu schreiben? Fussballerisch gibt es weltweit jede Woche tausende von „Alpträumen“, nehme ich mal an. Ist man selbst davon gezeichnet, bleibt die ernste Frage zurück, wie man aus diesem „Traum“ ohne dauerwährendes „Trauma“ wieder heraus zu kommen gedenkt. Mein persönlicher Ansatz, der beileibe nicht mehrheitsfähig zu sein braucht ist stets – ganz generell, dass Spiele eher „hinten“ gewonnen werden, aus einer starken Verteidigungslinie heraus (besser zwei!). Stimmt es hinten nicht, fängt es bei jedem gegnerischen Angriff an zu brennen und wird dauerungemütlich für zuschauende Fans. Wenn dann noch ein-zwei wirbelnde gegnerische Stürmer die Szene zu beherrschen anfangen, ist es rasch vorbei. Soweit meine – unbewiesene – These. Ich meine in diesem Zusammenhang auch, dass man als „gehobene Amateure“ nicht zu sehr die Profis zu imitieren versuchen sollte, sondern auch ein stringenter auf „Athletik, Kampf, Gradlinigkeit, Schnelligkeit und ordentlicher Technik“ aufgebautes Spielsystem in dieser Liga – und darüber hinaus – durchaus noch einen Wert an sich darstellt, um erfolgreich zu bestehen. „Zauberfussball“ kann gegen Gegner, die eher den angesprochenen, vielleicht etwas unattraktiveren Stil pflegen, auch mal rasch in die Hose gehen. Sogar ohne „Rote Karte“ oder fehlendem Ersatztorwart. Nun hat die gesamte Mannschaft brutal die „Rote Karte“ gezeigt bekommen. Meine Verdauung rege ich jeden Tag mit Sauerkrautsaft an. Um ein Fussballspiel zu verdauen, braucht es vielleicht schon noch andere Anregungen. Anregen ist grundsätzlich positiv zu interpretieren. Meistens wirkt es. Im Fall FCK sollte es dringend wirken!

  4. Bruno Neidhart schreibt:

    Durch die Gestaltung der Kopfhaare lassen sich solche Aufnahmen historisch gut einordnen. Ebenso sind die recht kurzen Hosen – analog damaliger Leichtathleten – zeittypisch. Heute tendieren die Fussballhosen wieder eher zu den Anfängen dieser Sportart und verlängern sich. Mode? Es braucht vielleicht einfach mehr Platz für Werbung! Der Vierte von rechts in der mittleren Reihe ist wohl eine Kopie von „Bomber Müller“ (ein früher Taulant Syla?). Hoffentlich gehörte das holprige Rasenstück nicht zum Spielfeld! Was ein Mannschaftsbild nicht alles aussagen kann! Die Choreografie dazu ist dabei ziemlich international genormt. Hübsch auch die Taschen links und recht als bescheidene Werbeaufsteller. Und ich nehme mal unbesehen an, dass sich der Tätowierungswahn damals noch in geniessbaren Grenzen hielt.

    • Pete schreibt:

      Hello Leute
      Wenn man in den Geschichtsbüchern von Amateurvereinen stöbert finden man immer wieder sehr spannendes und belustigendes und auch interessantes 🙂 Aber gar nicht belustigend ist die Aussage vom FCK-Trainer im Matchbericht Rüti-FCK. Man habe den Gegner unterschätzt……………………. Eine kaum zu fassende Aussage!! Da muss ein findiger Leser wohl oder übel folgende Bemerkung in den Raum stellen: Wenn sich die Verantwortlichen vor dem Spiel auch nur halbwegs mit dem Gegner Rüti befasst hätten wäre diese Blamage eventuell zu verhindern gewesen. Rüti spielt (als sogenannt kleiner nicht beachteter Aufsteiger) einen sensationellen Offensivfussball! Ein Blick auf die bisherigen Resultate würde genügen (Div.Kantersiege) ! Und ein zweiter Blick auf die Torschützenliste wäre garantiert auch nützlich gewesen! Der Stürmer Taulant Syla erzielte in dieser Saison bereits 14 Tore….und gegen Kreuzlingen kamen weitere 5 dazu. Wenn man solche Fakten nicht in eine Matchvorbereitung nimmt ist das für mich nicht anderes als Arroganz. Es ist zu hoffen das man aus diesen Fehlern lernt denn der FC Kreuzlingen hat mit Garantie die beste Mannschaft in der Interregio Gruppe 6 aber wenn man weiterhin Gegner unterschätzt wird’s nichts mit einem allfälligen Aufstieg und das wäre wirklich jammerschade 🙂

      • Bruno Neidhart schreibt:

        Ich glaube nicht, dass der FCK-Trainer den FC Rüti unterschätzt hat, lieber Pete. Das wird nicht selten dann auch kolportiert, wenn im Cup eine 2-3-Ligen höher spielende Mannschaft unterliegt. Eine gewisse Laschheit von Spielern wird allerdings immer mal zu beobachten sein. Sie ist aber mit Sicherheit nie das Resultat einer Trainerbemerkung. Sonst hätte dieser sein Amt verfehlt. Und wissen Sie: der FCK hat sicher eine gute Mannschaft. Sie ist aber eben – noch? – nicht beständig. Das braucht es zu einem Aufstieg. Man arbeitet daran! Übrigens habe ich dem Sportklub Freiburg tatsächlich empfohlen, Herrn Syla mal zu beobachten, ob er auch für höhere Weihen in Frage kommen könnte! Was es nicht alles gibt……..

  5. Herr Neidhart, auf alten Fotos fällt mir oft der Zustand des Rasens auf, holprige Terrains schienen die Regel gewesen zu sein, auch noch in den 80ern. Am Hintergrund des Bildes hat sich übrigens bis heute nichts geändert, aber immerhin hat man in Rüti ein Dach. Übrigens gab es in den 30er-Jahren (dort bin ich immer noch in meiner FCK-Recherche) überhaupt keine Winterpause, auch im Dezember und Januar setzte man Meisterschafts- und zuschauerträchtige Freundschaftsspiele an… Keine Ahnung wann die Winterpause eingeführt wurde, aber als Zuschauer bin ich froh darum.
    Pete, wie wahr… zur Ehrenrettung des Trainerteams, diese wussten um die Gefahren und hätten die Spieler auch eindringlich gewarnt, die Bemerkung bezog sich wohl auf die Spieler, aber Sie haben völlig recht, die Warnung muss auch entsprechend bei diesen ankommen.

  6. Interessant, auch wenn wir (für einmal zurecht) unter peinlich verbucht werden, Kolumne unseres ehemaligen Spielers Sokol Maliqi:
    http://regional-fussball.ch/sokies-analyse/item/2437-uster-seefeld-gossau-freienbach-rueti-und-kreuzlingen-von-gut-organisiert-bis-peinlich

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