Kick and Rush am Hafen – den grossen Spielen zum Trotz

Am gestrigen Samstag konnte man sich Real Madrid gegen Celta Vigo im TV anschauen oder Arsenal gegen die Spurs oder Bayern gegen Dortmund oder die Eishockey-Playoffs. Im strömenden Regen wäre das verständlich gewesen. Man hätte es sich gemütlich machen können. Man konnte sich aber auch an den Kunstrasenplatz ins Hafenareal wagen und sich die Partie in der 2. Liga Interregional gegen den FC St. Margrethen anschauen, letzteres war für echte Die-Hard-Fans die richtige Wahl. 90 Minuten im Regen, 90 Minuten Kick-and-Rush, 90 Minuten frieren, 90 Minuten zusehen wie sich der Journalist mit Regenschirm, Kugelschreiber und Block abmüht (oder wahlweise die Fans mit Regenschirm, Hafetschutter und einem Schützengarten), 90 Minuten Arbeitsfussball von zwei ersatzgeschwächten Teams, 90 Minuten mit knapp 100 anderen Verrückten ausharren und dann immerhin über drei Punkte jubeln.

Nach dem Spiel fanden sich dann nur noch die wirklich allertreuesten Fans zum Trainertalk ein. Etwa 10 an der Zahl. Die tatsächlich auch noch den BL/TV-Klassiker Bayern-Dortmund sausen liessen. Dafür wurde Kafi-Schnaps geordert. Ist Pierre Eggimann die erhoffte Verstärkung? ist das Mittelfeld nicht schwächer? waren die Schiedsrichter nicht ein Ärgernis? wie muss man auf dem kleinen nassen Kunstrasenplatz spielen, um zum Erfolg zu kommen? Was schon während des Spiels die Gemüter erhitzte, wurde nun im Trainertalk vertieft. FCK-Trainer Demir: „wir mussten hier schon fast englischen Fussball zeigen“ und Margrethen-Trainer Duvnjak ergänzte auf die Frage nach der spielerischen Qualität nicht weniger verschmitzt „nun, das kann man individuell sehen“. Danach verabschiedete sich der sympathische Ex-Kreuzlinger Duvnjak mit einem herzlichen Handschlag bei jedem Anwesenden. 90 Minuten Kick & Rush im Regen plus Nachspielzeit im Clubhaus, auch das kann ein schöner Fussballtag sein, nahe am Geschehen, den grossen Spielen im TV zum Trotz.

SCHWEIZ FUSSBALL 2. LIGA INTERREGIONAL SCHWEIZ FUSSBALL 2. LIGA INTERREGIONAL

Fotos: Mario Gaccioli, Kreuzlingen

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6 Antworten zu Kick and Rush am Hafen – den grossen Spielen zum Trotz

  1. Bruno Neidhart schreibt:

    Gehörte nur 45 Minuten zuschauend zu den „Verrückten“! Was ich auf dem Kunstrasen sah, habe ich schliesslich dem Wetter zugeschrieben. Mehr ist nicht festzuhalten. Oder doch? Der Gast „bodigte“ die Grünweissen anfangs ordentlich. Ich hatte schon Bedenken, er würde in die Rolle zurückfallen, die früher ziemlich allgemein den fussballernden Rheintalern zwischen Bodensee und Chur zugeschrieben wurde – Stichworte sind: „Holzer“, „Hacker“. Dabei hatte es St. Margrethen wahrlich nicht notwendig (war auch nicht so schlimm!). In ihren Reihen sind einige Spieler erfreulich technisch gut drauf, und sie sind bemüht, es anzuwenden. Ob die Unseren das vom Trainer vorgesehene „gepflegte Spiel“ überhaupt spielen können, ist eine Grundfrage, die ich mir wieder und wieder stelle? Manchmal habe ich – frisch geschrieben – den Eindruck, die Spieler sind zwar informiert, wie es zu laufen hat, doch „die Gedanken sind frei“. Letzteres ist wohl von Heinrich Heine, doch trifft es für einmal fussballerisch zu – konkret: Das Mittelfeld als „elementarer Bestandteil einer Mannschaft“ (grosser Spruch!) generiert haufenweise ratlose, gedankenlose, brandgefährliche Abspielfehler. Nun kann man folgendes einwenden: Wetter absolut daneben, Spieler fehlten, Kunstrasen tückisch, Gegner nicht schlecht – dennoch gewonnen! Und somit besteht immerhin Hoffnung auf allgemeine Besserung des Patienten.
    Nun noch zum Neuzugang Pierre Eggmann, vormals Malchower SV. Malchow – die Altstadt eine Insel! – liegt auf der Mecklenburgischen Seenplatte nördlich von Berlin in einem herausragenden Freizeitland mit soviel Wasser, dass selbst der Bodensee neidisch werden könnte. Dass dort Oberliga (kurz unterhalb der halbprofessionellen Regionalliga) gespielt wird, war mir neu. Ich kannte bis anhin nur die grosse, benachbarte Golfanlage Fleesensee mit ihren fünf Plätzen. Und so komme ich zum Platz des Malchower SV und fange mit Bockwurst mit Brot an, 1.50, Fassbier 0.4, 2.00, Jägermeister, 1.50 (hätte man gestern auf Klein Venedig brauchen können!). Aber auch die 200 überdachten Sitzplätze, ebenso die 800 überdachten Stehplätze. Dabei hat Malchow (mit Eissporthalle!) nur gerade mal 6’500 Einwohner. Dies ganz ohne Kommentar! Schlussbemerkung: Fussball im Original anschauen ist schön! Fragt sich nur, bei welchem Wetter. War das eben schon ein Kommentar?

  2. Ich glaube einer der Erfolge des Fussballs als Zuschauersport ist ausgerechnet das Wetter. Der Regen am WM-Finale 1954 und die Erfindung von Adi Dassler, die Schlammschlacht, das Schneegestöber, die Hitzeschlacht von xy. Das gehört doch alles zu den überlieferten Erzählungen des Fussballs, hilft zur Mythenbildung. Wie langweilig sind da Hallensportarten. Auch der Naturrasen gehört dazu. Mit all seinen Unzulänglichkeiten. Fussball an sich ist ein Sport voller Fehler, Ungenauigkeiten, Fussball ist auch das Wembley-Tor, Fehlentscheidungen, Fussball ist zum Haare raufen. Dann plötzlich eine perfekte Ballstafette, ein Traumtor. Fussball ist nicht nur Vergnügen, vielleicht lieben wir ihn deshalb so.

  3. Bruno Neidhart schreibt:

    Stimme in grossen Zügen zu, was portenoskreuzlingen eindrücklich vermerkt und so seinen Fussball positioniert. Nur ist es vielleicht etwas kompliziert, Hallensportarten mit (Frischluft-) Fussball gegeneinander antreten zu lassen. Es wird sogar mit zwei unterschiedlichen Sportstiefeln gespielt! Einen veritablen Rausch an Emotionen mit nachträglicher „Mythenbildung“ ist selbstverständlich auch in einer Halle zu erleben (Ambri!). Es muss weder reinregnen noch reinschneien. Das 3:2 Bern 54 wäre wohl auch ohne Dauerregen in die Geschichte eingegangen (sah 54 das berühmt-berüchtigte erste WM-Spiel Deutschland gegen Ungarn in Basel – bei einer Bullenhitze!). Vielleicht war das Berner Triefendnasse für Spieler und Schiedsrichter und Zuschauer tatsächlich das emotionale Sahnehäubchen, wie neulich bei „Freiburgs Wintermärchen“ gegen Rasenballsport RB Leipzig (2:1, Zuschauer hier allerdings trocken). Mir stellt sich einfach die Frage: Warum sollen Zuschauer „grundsätzlich“ ebenso unter miesen Wetterbedingungen „leiden“? Ist Zuschauen auch eine Art Sport? Oder doch noch etwas anderes? Warum fehlt dann leider die Hälfte möglicher Fans am Spielfeldrand, wenn bei Dauerregen Amateure auflaufen? 1:0 für Sky? Fussball ist in der Tat ein weites Feld zwischen einem erstrebenswerten, sinngebenden Erlebnis ultraharter Fans, und etwa dem Beschreibungsversuch eines Hans Ulrich Gumbrecht, emeritierter Literaturprofessor, las ich doch von ihm dieser Tage unter dem Titel „Die Zuhandenheit im Sport“ folgendes („Die Zeit“, Nr. 11, 2016): „Als fliessende Strukturen sozialer Organisation, und allgemeiner als Formen unseres Zuhandenheits-Verhältnisses zur Welt, sind solche Systeme – er meint hier die Löw’sche „Konzeption einer neuen Raumdistribution verschiedener Funktionsrollen“ (!) – gewiss Symptome für Veränderungen in den Formen des Zusammenleben. Auf diesen Aspekt des Fussballs als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen beginnen sich Geistes- und Sozialwissenschaftler nun zu konzentrieren“. Wer hätte das gedacht! Ob da gar Regen, Schnee und Kälte eines Tages auch in die (Fussball-) Wissenschaft einfliessen? Man müsste sich mal mit Herrn Gumbrecht, einer der wenige (löblichen) Intellektuellen die sich mit Kicken beschäftigen, bei Regen und Kälte, bei Wurst und Bier auf einem matschigen Dorfvereinsfussballplatz an den Rails stehend – wenn es die denn überhaupt gibt – vergnügen. Vielleicht schriebe er dann ein anderes „sporthistorisches Essay“ – wie er es nennt. Ich glaube das allerdings nicht. Im Fussball dieser Tage hat eben viel Platz. So ist es gut. Nur möchte ich mich als simpler Zuschauer nicht unbedingt am Fussballspielfeldrand bei kaltem Dauerregen erkälten, auch wenn daraus nachträglich „Mythen“ zu bilden wären. Achtung – ziemlich mögliche Ausnahme: Aufstiegs- oder Abstiegspiel!

  4. Aber selbst zur Mythenbildung Ambri trägt der alte Eisschrank Valascia mit seinen Rekordminustemperaturen bei. Natürlich könnte es auch eine Mythenumrankte Handballhalle geben, aber jetzt kommt der nächste Mythenförderer zum Zug, wenige Tore! Bernd Sautter hat da eine eindrückliche These. Wenige Tore tragen zur Popularität bei. Wenige Tore lassen auch Aussenseitern eine Chance, nur dank den wenigen Toren kann es zu Sensationen kommen. Undenkbar, dass ein Basketball- oder Wasserball-Drittligist gegen einen A-Ligisten gewinnen könnte. Wenige Tore machen entscheidende Tore unsterblich! Aus ähnlichem Grund dürfen auch Weltmeisterschaften keinesfalls öfters als im 4-Jahres-Rythmus stattfinden. Ich trauere noch heute dem EC-Ko-System nach. Es war perfekt, nur nicht zum Geld machen. Darüber könnte man noch lange diskutieren. Noch zum Wetter, ich relativiere, gegen eine Zuschauerüberdachung hätte ich nun wahrlich keinen Einwand im Hafenareal!
    Nachtrag. Zuschauen kann zumindest sportähnliche Ausmasse annehmen. Groundhopper die 300 Spiele pro Saison anschauen (gibt es wirklich), Ultras die ihre ganze Freizeit für Choreographien opfern, die dann 30 Sekunden gezeigt werden… Noch ein Schlusswort, als echter Fan, nicht als Zuschauer, ist man weit mehr als Konsument, egal ob beim FCK oder als Ultra bei einem Profiverein, dies ist vielleicht das überraschendste, entspricht es doch gar nicht der landläufigen Meinung eines „Fans“. Die Mischung zwischen Gelassenheit und engagiertem Fan ist gar nicht so einfach! Dies scheint mir aber ein allgemeines Gesellschaftsproblem. Manchmal sollte man nach dem Spiel auch einfach wieder gemeinsam durchs Quartier nach Hause spazieren, zu Kaffee und Kuchen Herr Neidhart.

  5. Bruno Neidhart schreibt:

    Bernd Sautters „Sensationen“ sind spärlich und bleiben in der Regel ein lokales Ereignis. Ich nehme schon an, dass ich weiss, was er damit verbindet. Insofern ein 1:0 für diesen Gedankenstrang. „Unsterblich“ können aber auch Spiele gleich starker Mannschaften bei einen hohen Ergebnis sein. Somit wäre wiedermal die Bandbreite abgesteckt, in der sich Fussball bewegt. Als Fan möchte man sicher stets registrieren: Wir haben gewonnen! Dass dies in der Regel nicht immer der Fall sein kann, trägt zur Demut bei. Was mich immer wieder wundert ist, dass nach wie vor choreografierte Fans in die Allianz-Arena stürmen, obwohl der Sieger bereits vorher bekannt gegeben werden könnte. Erfreut man sich an der Geometrie des Spiels der Asse? Oder Prinzip Hoffnung für die Einen, ehrenhalber bei den Anderen? Ich weiss es nicht. Oder fährt man nach München einfach auch deswegen, um später kurz in einem der klassischen Bierschuppen vorbei zu schauen? Dies eher weniger. Das „Fan-Sein“ ist auch mit Zeitstress verbunden. Fans sind getacktet. Wie Beamte. Alles hat so zu sein. Und wenn man dann gewonnen oder verloren hat, ist oft nicht mehr alles so, wie es sein sollte. Bei einem Unentschieden ist Stillstand. Ein schreckliches Ereignis. Nichts-sagend. Abwarten. In einer Woche dann aber! Fans sein und bleiben ist schwer.
    Gibt es überhaupt „Die“ Fans? Es gibt auch die Stillen unter den Zuschauenden. Die Geniesser. Die Auch-Wissenden. Die reisst es erst aus den Sattel, wenn das 4:3 in der 94sten, oder das 7:0 gefallen ist – oder dann eben das 0:1 von der 2. Minute (nach Bernd Sautter) stehen bleibt. Dann sind sie erstaunt, was emotional doch auch in ihnen steckt. Und so wird man wahrscheinlich nicht zum Fan geboren, kann aber irgendwie gelegentlich zu einem werden. Die breite der Gesellschaft wäre somit angesprochen. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird diese Breite meistens erst dann richtig erschlossen, wenn es sich „lohnt“ – auch unterschiedlichen Gründen! -, auch dabei gewesen zu sein.
    Was „durchs Quartier nach Hause spazieren“ betrifft, so ist daran zu erinnern, dass sich „in früheren Zeiten“ Grüppchen aus der damals noch kleinen Stadt aufmachten, zu Fuss an die Arena an der Konstanzerstrasse zu pilgern. Beim Nadelöhr Bahnübergang wurde man dann zur Gruppe. Bei geschlossener Barriere zog man durch eine laute Unterführung. Dann war man bald bei Max Kyburz an der Kasse und trat ins Reich der fussballsportlich Erwartungsfrohen ein. Einige überwanden vom Tägermoos her die Platz-Umfassungswand und stürzten unter die regulär Zuschauenden. Nach Hause gingen die Kletterer regulär durchs Eingangstor. Kaffee und Kuchen? Das war dann die Familie oder so. Sonntag eben.

  6. Unbedingt gibt es auch die stillen Fans, die Spiel-Geniesser und vieles mehr. Gerade das vielschichtige gefällt mir. „Fans sind getacktet. Wie Beamte. Alles hat so zu sein.“ Eine sehr interessante und wie ich finde richtige Feststellung. Fussball hat viel mit Ritualen zu tun, für die meisten wohl unbewusst. Die allermeisten Fans sind auch Zahlen/Statistiken/Tabellen-Verrückt. Mit Kaffee und Kuchen spielte ich auf Ihre Aussage über Spieltage an der Konstanzerstrasse an (ist schon eine Weile her), im Grenzstadtkurier gibt es dann Ihre Erinnerungen zum nachlesen. Folgendes Buch vom erwähnten Bernd Sautter möchte ich an dieser Stelle herzlich empfehlen: http://heimspiele-buch.de/ Er hat nun bald die Hälfte seiner Auflage verkauft und damit die Druckkosten hereingeholt, meist bleiben die besten Fussballbücher nur ein Nischenprodukt. Hat herrliche Geschichten drin, sein Blick geht weit über den Fussballplatz hinaus.

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