60 Minuten für eine Legende

San Siro! Ort der Mythen und Sehnsüchte. Mekka von Fussballpilgern aus aller Welt. Spätestens seit der WM 1990 auch für mich ein verheissungsvoller Ort. Lothar Matthäus im Spiel seines Lebens gegen das Fussballballett der Jugoslawen – und dann das Achtelfinale der DFB-Elf gegen Holland. Als 12-jähriger Junge war für mich diese Schlacht auf dem Rasen das beste Fussballspiel aller Zeiten, 90 Minuten Adrenalin.

Hier standen wir also am 30. Juni 2016. Die Familienferien am Lago Maggiore endeten ungeplant am magisch anziehenden San Siro. Es blieben 60 Minuten für einen Stadionrundgang. Die entsetzten Augen meiner Freundin beim horrenden Eintrittspreis ignorierte ich gekonnt, mit zitternden Händen suchte ich die verlangten Zahlungsmittel und es öffneten sich die Pforten.

Das etwas in die Jahre gekommene Museum bot allerhand zu bestaunende Memorabilia vom FC Internazionale und AC Milan. Ich stand vor lebensgrossen Statuen von Paulo Maldini, Walter Zenga, Helden meiner Spielplatzkameraden und vor – Karl-Heinz Rummenigge. Den ich zu verdrängen suchte. Meine Tochter interessierte sich ausschliesslich für die ausgestellten Bälle. Die Zeit drängte.

Alte Fussballschlachten und Karl-Heinz Rummenigge:

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Im Stadion hetzten wir über die Ränge.  Ich eilte voraus, meine Freundin schleppte 100 Meter hinter mir den Kinderwagen über das Gewirr der Tribünen. Folgender Dialog spielte sich mit einem Steward ab.

Steward: its hard for your wife with the buggy!

Ich: can my wife go another way?

Steward: No, but she have a good handling with all the things

Ich: Yes, the buggy its not so heavy, but i think she gets angry

Steward: Thats fine, in ten minutes we closed all dores

Es musste noch schneller gehen, hier habe ich alles wieder im Griff:

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Im Stadionshop war es nun eine Sache von Minuten bis zur Schliessung. Ich quetschte mich versehentlich in ein Frauenpolo-Shirt und blieb im engen Oberteil gottsjämmerlich stecken. Es ging weder vor noch zurück. Die Nähte zum bersten gespannt, ein Fiasko. „Wie klein sind doch die Italiener, was für verrückte Grössen!“, die Verkäuferin schrie wie aus dem Nebel was von donna und uomo. Während ich von helfenden Frauenhänden aus der misslichen Lage befreit wurde, stand meine Tochter mit einem Ball vor mir. 10 Euro, nehmen wir.

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2 Antworten zu 60 Minuten für eine Legende

  1. Bruno Neidhart schreibt:

    Fussball ohne Legendenbildung gibt es nicht. Erzählt wird da etwa von Stadien – wie der interessante Bericht über San Siro zeigt (heute Stadio Giuseppe Meazza) – , von Spielen, von Spielern, von besonderen Ereignissen – Torbruch, Wetter, usw. (Krawalle lasse ich aus). Dabei ist es unerheblich, auf welchem fussballerischen Niveau sich eine Legende herausbildet. Selbst im untersten Amateurbereich ist so was möglich – oder hier besonders! – , auch wenn letztlich nur eine klitzekleine Schar treuer Vereinsmitglieder ihre eigenen Legenden hochhalten wird. Bestimmt auf ewig beim Bier. Auf das „beste Fussballspiel aller Zeiten“, wie oben beschrieben, folgte später bekanntlich das WM-Endspiel im Römer Olympiastadion: Argentinien gegen Deutschland, 0:1, spätes Tor durch Brehme (Elfmeter). Unvermeidlich ein Legendenspiel. Daran beteiligt war übrigens auch ein Thomas „Icke“ Häßler. Nun, glaubt man zumindest den Verantwortlichen des „Club Italia 80 e.V. , Berlin“, könnte sich bald eine weitere Legende herausbilden, nach dem „Icke“ als Cheftrainer – jawohl! – engagiert wurde! Und es ist noch ein 2. Trainer, ein Torwarttrainer, ein Athletiktrainer, ein Erscheinungsbild-Trikotfachmann, usw., im Einsatz. Dazu muss man wissen, dass der Club erst in der Bezirksliga unterwegs ist, also runtergezählt ca. 7 oder 8. Liga! In 3-5 Jahren soll jedoch bereits der „semiprofessionelle Ligabereich“ erreicht sein, in weiteren 3 Jahren der professionelle. Als „Stadion“ dient derzeit der simple Platz am Spandauer Damm im Westend. Vorerst spielt man also noch u.a. gegen die SpVgg Tiergarten oder den SC Staaken II! Klare Botschaft jedoch: 3. Kraft am Berliner Fussballhimmel werden (So gelesen im „Tagesspiegel“). Das Ganze riecht also irgendwie bereits nach Legende. Ist nur eine Sache der Interpretation…….! (Kultur: Am besagten Spandauer Damm wohnte übrigens 1912 der Schweizer Schriftsteller Robert Walser, gestorben in Herisau. Dies nur nebenbei).
    Wembley – zurück zur Fussballkultur! – , gemeint das ehemalige Stadion, ist heute wirklich eine Legende. Von ausserhalb sah ich noch 1975 den alten, berüchtigten Stadionkoloss – familienferienbedingt. Irgend in einem Fotoalbum oder einer Kartonschachtel sollte sich ein Bild unseres Sohnes aufhalten – aber wo? – , wie er sich vor den markanten Stadiontürmen positioniert. In der munteren Carnaby-Street in Soho, die aber bereits damals nicht mehr von der Flower-Power-Generation der 60er heimgesucht wurde, entstand dann anschliessend in einer Spontan-Zeitungsdruckerei noch die Titelseite zum Mitnehmen (und bezahlen!): „Oliver schiesst in Wembley 3 Tore“. So was musste ferienhalber sein. Dabei drängte seine Schwester an diesem Tag in den New Forest. Dort sollen freie Pferde frei durch kleine Dörfer trotteln. Das wurde dann am anderen Tag plastische Realität. Unsere Tochter hält es heute noch immer mit Pferden. Mit Isländern derzeit. Ihre eigene Tochter dagegen spielt heute…….Fussball! War da letzthin nicht was mit „Island“ und „Fussball“? Wurde da nicht etwas bereits zur Legende?
    Grüsse aus Berlin!

  2. Interessant übrigens, dass im Stadion und Fanshop nirgends etwas von „Giuseppe Meazza“ zu lesen ist, überall steht nur „San Siro“. Sehr richtig mit den Legenden, auch beim FCK gibt es da einige. Bei den älteren hört man dann meist „Locarno 1983“! Bei den etwas jüngeren „Baulmes 2004“! Die Geschichten werden dann im Laufe der Jahre natürlich entsprechend ausgeschmückt. Von Italia hab ich auch schon gelesen. Um den Bogen wieder zurück von Berlin/Tagesspiegel nach Kreuzlingen zu spannen, Tagesspiegel-Fussball-Kolumnist Frank Willmann las schon bei uns im Clubcontainer. Andreas Gläser ebenfalls, dieser hat eine Kolumne im „Neues Deutschland“. Hier eine Kostprobe von Frank Willmann, welcher die letztjährigen 50-Jahres-Feiern von Union und BFC besuchte, die humorvolle Geschichte brachte ihm übrigens nicht nur Freunde: http://www.tagesspiegel.de/sport/50-jahre-1-fc-union-und-bfc-dynamo-mit-der-narrenkappe-beim-jubilaeum/12864472.html

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