Canepas stürmische Erben

Jeder Spielbesuch sollte früher oder später ins Clubhaus führen. Idealerweise findet man dort einige Spuren der Vergangenheit, mitunter auch die eine oder andere Kuriosität. Mit etwas Glück finden sich mehr oder weniger gesprächsbereite alte Herren an verrauchten Tischen. Von alten Heldentaten wird in Schweizer Clubhäusern aber eher spärlich berichtet, meist erst nach dem ein oder anderen Kafi Schnaps. Der Schweizer neigt dazu, die Dinge nicht so wichtig zu nehmen. Heldengeschichten sind ihm verdächtig. Ganz anders als etwa in Italien oder Deutschland, wo jeder Derbysieg gegen das Nachbardorf bunt ausgeschmückt wird.

Rüti NLB

Die NLB-Mannschaft vom FC Rüti, 1982/83. Die Originalwimpel aus dieser Zeit finden sich tatsächlich noch im Clubhaus, etwa von Nordstern Basel oder Mendrisiostar.

Beim FC Rüti könnten alte Herren einiges aus der Clubgeschichte berichten, von der Jugendzeit Ancillo Canepas etwa, wie er mit dem FC Rüti fast in die 1. Liga stürmte und bei den Grasshoppers ein Probetrainig machte. Auch die einjährige NLB-Episode könnte für Gesprächsstoff sorgen. Alles lange her, ausserdem viel zu heiss für Gespräche im Clubhaus, bis auf die kurze Bekanntschaft mit einem Exil-Kreuzlinger, der heute in Rüti lebt. Er kickt den Ball seiner 9-jährigen Tochter zu, dass Spiel gegen die alte Heimat ist dann doch nicht so wichtig.

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Wer hat an der Uhr gedreht.  Cillo Canepa ist auch heute noch beim FC Rüti präsent.

Dann gibt es noch einen Grund, warum man die alten Geschichten in der Schublade lassen kann. Der aktuelle FC Rüti spielt einen attraktiven und erfolgreichen Fussball. Immer wenn man glaubt den FC Rüti geknackt zu haben, kommt ein Pass der Nummer 10 auf die Syla-Brüder und es ist geschehen.

Da nützen auch die herrlichen Solos und Zuckerpässe von Uwe Beran nichts, die souveräne Art eines Kai Rettigs auf der Aussenbahn, die Ruhe eines Adnan Radoncics im Tor. Die gefühlt 70% Spielanteil, die Torchancen. Es ist zum Haare raufen. Der Sieg von Rüti ist nicht wirklich unverdient. Die offensive Qualität der Rütemer lässt sie jederzeit gefährlich bleiben. Das Tor in der 92. war dann aber doch bitter für den FC Kreuzlingen.

Ein Vorschulkind fragt nach dem Spiel seinen Vater wer der Gegner gewesen sei. Die sind nichts, antwortet dieser, gegen die haben wir schon 8:0 gewonnen. Ein FCK-Fan korrigiert auf 8:3, was es auch nicht viel besser macht. Manchmal sind die Schweizer doch nicht so bescheiden.

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4 Antworten zu Canepas stürmische Erben

  1. Bruno Neidhart schreibt:

    Kaum ein Fussballschiedsrichter der neuesten Zeitrechnung pfeift ein Spiel nach 90 Minuten ab. Dabei ist so ein bunt bekleideter Herr – früher stringent schwarz – nach wie vor Herrscher der Zeit: Chronos himself. Seine Vorgesetzten geben ihm zwar eine Menge Richtlinie zum Studieren, doch solange er nicht abpfeift, kann der Täfelimann an der Seitenlinie noch so eine Zahl dem Publikum und den Spielern und den Funktionären vor die Nase gehalten haben. Was der bunte Pfeifende allerdings nicht darf ist, eine kürzere Zeit als die, welche der Täfelimann hochhielt, spielen lassen, denn diese Zahl hat er selbst vorerst mal angeordnet. So oder ähnlich soll es reglementarisch festgelegt sein – entspringt meinem unsicheren Standardwissen. Ohne Regeln kein Fussball? Mitnichten! Früher (untere Liga) hatte ein Schiri schon mal ab und zu Probleme mit dem Zeitablesen. Pfiff er nach gut 87 Minuten eine Begegnung ab, tönte es von denen, die 1 zu 0 zurück lagen: „heh-he! äs sind noned nünzg minute, Chönd sie ned läse“. Indes: Der Pfiff galt umso mehr. Umgekehrt dann, wenn beim 1 zu 0 vorne liegend in der 91. Minuten noch immer kein Pfiff zu hören war: „he-he! abpfife, s’isch dänn scho über nünzg minute“. Dieses Meckern ergab dann in der Regel gleich noch eine Minute mehr Spielzeit!
    Nun, im Land der Luxuschronographen dürfte es immerhin so sein, dass auch die Schiri-Uhren die Zeit grundsätzlich richtig anzeigen. Somit wäre es besonders in der Schweiz möglich, hunderttausendsdelsekundengenau Fussball zu spielen, sofern man sich einig ist, wie lange ein Spiel denn dauern soll. Aber eben gerade das ist zum Glück noch immer persönlich. Nur der Schiri weiss es. Er peilt im Prinzip noch immer über seinen rechten oder linken Daumen! Dies ist sein Reich. Basta! Rolex (oder TAG Heuer-Longines-IWC, usw.) hin oder her.
    Eine viel zu lange Einleitung zumThema, das ich eigentlich ansprechen wollte und mit dem Zürcher Oberland am vergangenen Sonntag zu tun hat: Seit einigen Jahren werden, wie man zu registrieren hat, Spiele auffallend oft in der verlängerten Spielzeit entschieden. Oder eine Mannschaft rettet sich just noch in ein Unentschieden. Nun dürfte „diese Gefahr“ oder „Möglichkeit“ schon längst bis zu den Trainern durchgedrungen sein. Wieweit hier eine zusätzliche Motivation für die entscheidenden Minuten den Spielern überhaupt bewusst gemacht werden kann, weiss ich nicht. Ich schätze mal grob amateurhaft, dass ehestens eine „blitzartige, zielgerichtete Systemänderung“ nützen könnte. Ein treffendes Beispiel: Man nimmt Rütener Topstürmer – die Namen sind ostschweizweit bekannt! – ab der 90-sten in doppelte Manndeckung. Das Ziel wäre eine Unentschiedenabsicherung anzupeilen. Wäre! Nur ist eben Fussballspielen nicht ganz so einfach. Das Zuschauen zwischen 90-91-92-93-usw. allerdings auch nicht! Dann sind wir wiedermal brutal beim feinsinnigen Philosophen Sartre angelangt (ungefähr): „Fussball ist ein einfaches Spiel. Nur ist auch ein Gegner vorhanden“. Sirnach demnächst!

  2. Daniel Geisselhardt schreibt:

    Köstlich! Vielen Dank, Herr Neidhart.

    Gruss nach Berlin?

    Daniel Geisselhardt

  3. Bruno Neidhart schreibt:

    Gruß aus Berlin (Pankow/Niederschönhausen)!
    Bruno Neidhart

  4. Herr Elfmeterpunkt schreibt:

    Der FC Rüti verliert seine beiden besten Torschützen. Edison Syla (10 Saisontore) wechselt zu Rapperswil-Jona (Promotion League) und sein Bruder Taulant Syla (19 Saisontore) zum Ligakonkurrent Freienbach. Die beiden schossen 29 der 43 Rüti-Tore nach 13 Runden.

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