Darum liebt man Fussball – trotz 85 miserabler Minuten

„Darum liebt man Fussball“ meinte nach dem Spiel ein Kreuzlinger Zuschauer. Recht hat er, wenn es auch kein gutes Spiel war und für die Trainer sogar ein schwer zu ertragendes, wie Vlado Nogic nach dem Spiel im Trainertalk äusserte.

Was für grosse Hoffnung setzte der Kreuzlinger Anhang in Neuzugang Andi Qerfozi nach seinen drei Toren in Uzwil. Nach 37 Minuten und seinem vierten Treffer zum 1:0 gegen den von Ex-Profi Sven Lehmann angeführten Aufsteiger FC Winkeln war das Vertrauen in sein Können grenzenlos. Die Gründenmoos-Elf aus St. Gallen spielte allerdings überraschend offensiv und kam noch vor der Pause zum verdienten Ausgleich. Zudem musste FCK-Spielmacher Uwe Beran in der 31. Minute verletzungsbedingt durch Anil Aydeniz ersetzt werden.

Nach dem 1:2 durch Sven Lehmann in der 65. und dem Platzverweis gegen Andi Qerfozi in der 76. Minute war die Stimmungslage bei den 210 Zuschauern, abzüglich des kleinen Winkler Anhangs, auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt. Die Mannschaft spielte mit Handbremse, Wunderstürmer Andi Qerfozi sorgte durch sein unnötig hartes Einsteigen an der Mittellinie für Ernüchterung. Was für ein Frust.

Kurz vor Schluss machten sich die ersten Zuschauer auf den Heimweg. 85 Minuten lang hätte niemand geglaubt, dass man „dafür Fussball liebt“.

Doch endlich ging ein Ruck durch die Mannschaft, kam Leidenschaft zum Vorschein. In den meisten Fällen verfügen Fans nicht über den Spielverstand eines Trainers oder Spielers, doch sie haben immer ein untrügliches Gespür für die Spieldynamik und so feuerten auch die Anhänger im Norman-Smith-Stand die Spieler jetzt bedingungslos an.

Fabian Wilhelmsen verlagerte sich in die Sturmspitze, ein altes Erfolgsrezept welches auch diesmal aufging. Sein Treffer in Unterzahl zum 2:2 sorgte für erste Jubelstürme im Hafenareal. Das Spiel stand nun auf Messers Schneide, denn beide Mannschaften wollten sich nicht zufrieden geben. Nach einer Glanzparade von Adnan Radoncic stürmte der FCK in der 93. Minute mit dem praktisch letzten Spielzug aufs St. Galler Tor. Mido Arifagic auf Ludovic Mathys, 3:2! Der Wahnsinn.

Auf Frust und Enttäuschung folgte wenige Minuten später Fussball-Party mit heiseren Fans.

Beim anschliessenden Trainertalk spendeten 40 Anwesende dem bemitleidenswerten Winkeln-Trainer einen warmen Applaus. Vlado Nogic, trotz Sieg enttäuscht von seiner Mannschaft, gab Runden aus. Fussball kann seltsam sein.

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Eine Antwort zu Darum liebt man Fussball – trotz 85 miserabler Minuten

  1. Bruno Neidhart schreibt:

    „Winggle“ war Ende der 1950er Jahre mindestens ostschweizweit im Gespräch – allerdings weniger durch Fussball, vielmehr ausgerechnet durch einen Kirchenneubau! Nun, in Winkeln probten damals zwei Architekten die Wallfahrtskapelle eines schweizerisch-französischen Tausendsassas, Le Corbusier, irgendwie zu imitieren, die er einige Jahre zuvor oberhalb Ronchamp (bei Belfort) hinstellte und die rasch zu einer Ikone der internationalen Architektur mutierte (heute UNESCO-Erbe). Die Winkelner bekamen daraufhin eine noch viel steilere (Beton-) Dachform ins Dorf verpasst, als dies bei „Le Corbu’s“ phänomenaler plastischer Architektursprache der Fall ist. Zur Bezeichnung „Seelenabschussrampe“ war es dann für Winkeln nicht mehr weit.
    Winkeln wurde also damals – oder bis heute – durch eine „Dachform“ bekannt, was sich mit sehr viel Fantasie auf die gestrige Begegnung in der FCK-Arena beziehen lässt, wo der FC Winkeln Sekunden vor dem Abpfiff doch noch „eins aufs Dach“ bekam. Wie zu lesen ist, eigentlich ziemlich unverdient. Das ist das Grausame am Fussball für die Einen, das Schöne für die Anderen. Aber es ist halt wie in der Kirche: Da weiss man auch nie (auch nicht in Winkeln), wann das „Amen“ kommt. Man weiss nur, „dass“ es kommen wird. Und so wäre erfreulich festzuhalten: die FCK-Spieler haben einfach weiter gemacht, sich vielleicht plötzlich nicht vorstellen können, dass sie auf eigenem Platz mit 1:2 gegen eine Mannschaft des gegenwärtigen Tabellenkellers eingehen sollten. Und besonders die treuen Norman-Smith-Fans, wie man lesen kann, haben sich fan-verständlich auch nicht mit dem Resultat abfinden wollen. Was heisst hier „abfinden“, wenn man 1 zu 2 zurück liegt! Wir fordern ein finales Sturmgebrause in Grün-Weiss! Und es brauste plötzlich. Der „Wahnsinn“ ist im Fussball manchmal tatsächlich ganz nah. Nur soll man mit der Kirche im Dorf bleiben, wenn dem Trainer die ganze Angelegenheit, wie es zu diesem FCK-Dreier kam, nicht sonderlich zu schmecken schien. Die Bierrunde in der 3. Halbzeit hat wahrscheinlich deutlich besser geschmeckt……

    War heute Sonntag Gast beim von der (Berliner) Landesliga abgestiegenen Bezirksligisten FC Concordia Wilhelmsruh in Schwarz/Weiss (meinem streckenmässig nächsten Kiez-Klub). Man spielte (bei 3 Euro Eintritt, jüngere Frau mit Blechkasten-Kasse am Stehtisch) gegen den BFC Meteor 06 in Gelb/Blau („Icke“ Häßler fing übrigens bei 06 als Junior an!). Die „Nordendarena“ der 1920er Jahre, drum herum Aschenbahn mit starker Grasbeteiligung, sah wohl schon deutlich bessere Tage. Aber hinterm Tor schön renoviertes, altes Fachwerk-Klubhaus mit zwei munteren Türmchen obendrauf, zudem seitlich ein neuer Kabinentrakt. Die heutige Klubgaststätte neben dem alten Klubhaus ist einem morbiden Pavilloncharme zuzuordnen. Würste im Freien grilliert Euro 1,80. Kafi – mit Kondensmilch auf einem Beistelltisch zur Selbstbedienung – 2 Stutz). Zwischen der Ur-Arena und einem weiteren Platz liegt ein ziemlich begraster, spielfeldlanger Erdwall, der zur Urseite hin immerhin durch 5 Stehrampen in mehr oder weniger Steinoptik besticht, wogegen auf der anderen Seite ausschliesslich Grasrampen imponieren. Das Schöne: gekrönt wird der Wall oben auf der Kuppe durch eine Reihe mächtiger Laubbäume, die bei Regen, wie zeitweilig heute, ein Dach imitieren können (allerdings keine 90 Minuten!). Weiter hinten sehe ich noch einen Kunstrasenplatz. Die Erste spielte heute auf dem zweiten Platz (Grasrampen), die Zweite in einem Vorspiel auf dem ersten, dem Ur-Platz. Soweit das Äussere.

    Das Innere ist kurz erklärt: der Tabellenletzte Concordia kämpfte vor mindesten 70 Zuschauern tapfer, war technisch jedoch gegen die tabellarisch deutlich besser gestellten Weddinger im Nachteil, sah ich doch bei Meteor einige – zwar nicht mehr die jüngsten – Könner am Werk, die schon grössere Weihen genossen haben dürften. Schönes 0:1 in der 10 Minute, überraschender Ausgleich in der 20-igsten, und vor der Pause noch das 1:2. Nach dem Wechsel kam Wind und Regen angebraust (auf zu den Bäumen!). Und auch Concordia brauste überraschend durch einen ziemlich professionellen Flugkopfball zum 2:2. Dann lief es wie auf Klein Venedig: das war es also für heute. Doch ein Pfiff des Schiris in Rot-Schwarz, den 101-Prozent der Concordia-Fans als „unverständlich“ beurteilten, brachte Meteor noch einen Freistoss ein, den die oben erwähnten „Könner“ durch präzise Flanke mit anschliessendem Ablenker ins Tor zum 2:3 bugsierten. Fussball eben. Atmosphärisches Schlussbeispiel: ein wohl klubeigener, freiwilliger Linienrichter mit deutlichem Bauchansatz und Jeanshosen stand meistens plaudernd an der Mittellinie und hatte einen seitlichen Bewegungsradius von durchschnittlich 3 Meter 50. Das tat nicht viel zur Sache. Man sah die Spielfeldlinien sowieso kaum. Alles war schön.

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