Fans im Schweizer Amateurfussball? Ein kleiner Exkurs

Rot-Weisse Fahnen und Gesänge im Hafenareal. Eishockey-Fans die sich verirrt haben? Nein, tatsächlich nach langen Jahren mal wieder eine gegnerische Fangruppe bei einem Spiel des FC Kreuzlingen. Die erst seit diesem Jahr aktiven „Ustermer Jungs“ reisten erstmals mit einem Car an ein Auswärtsspiel und suchten sich für dieses Highlight das Auswärtsspiel in Kreuzlingen aus. Nach ihrer eigenen Auskunft nicht zuletzt wegen des bekannten Rufes der seit 17 Jahren aktiven Kreuzlinger Fanszene. Wahrscheinlich dürften sich die gut 20 Ustermer Jungs mehr erhofft haben als zwei Leute aus der Whiskykurve und acht Fans bei den Porteños. Gesanglich hatten die 20 Ustermer natürlich die Oberhand, immerhin konnte ab und zu etwas dagegen gehalten werden. Die Zürcher erinnerten sehr an alte Tage der Whiskykurve, im positiven wie im negativen. Die passende Gelegenheit für einen Blog über Fanszenen im Schweizer Amateurfussball.

In den letzten 20 Jahren versuchten diverse Fangruppen Amateurvereine zu unterstützen, nur bei ganz wenigen blieb es eine dauerhafte Liaison. Ende der Neunziger Jahre waren die Vibiscum Ultras von Vevey Sports (1. Liga) eine der ersten Fangruppen im Amateurbereich. Etwas später hielt sich die Ritterfront Wettingen im Altenburg-Stadion etwa 10 Jahre. Nicht etwa während der NLA-Zeit, sondern beim überschaubar erfolgreichen FC Wettingen 93. In den 2000er-Jahren wurde es bei einigen Ultra-Gruppen populär die Zweitmannschaft zu unterstützen. Etwa bei GC (kamen mit 40 Fans ins Hafenareal), bei St. Gallen (tolle Gesangsduelle mit den Kreuzlinger Fans im alten Espenmoos mit anschliessender gemeinsamer Party in einem Fabrikareal) oder auch bei YB.

Teilweise konnten sich Vereine mit NLB-Vergangenheit trotz oft sehr langer Erfolgslosigkeit auch im Amateurfussball kleine Fanszenen bewahren. So etwa beim FC Solothurn (die politisch eher links stehende Curva Soletta), beim SC Kriens (die innovativen SCK Supporters), beim FC Gossau (die reisefreudigen Gossau-fen) oder beim FC Baden (Dick&Durstig, später Badener Jungs und 54er-Club). Letztere Fanszene sorgt zwar mit regelmässig gegen 50 Fans pro Spiel für einen absoluten Spitzenwert im Schweizer Amateurfussball, hatte aber zumindest einige Jahre mit einem massiven Gewaltproblem zu kämpfen. Auch das ein Alleinstellungsmerkmal der Badener Fans im Schweizer Amateurfussball.

Während viele Fangruppen bei west- und deutschweizer Vereinen Eintagsfliegen blieben, etwa in Martigny, Fribourg, Bülach oder Herisau, bei anderen es nie mehr als zwei, drei Personen blieben (Chur 97, Kickers Luzern, SR Delémont, SC Brühl, FC Bern, FC Breitenrain), sieht es im Tessin traditionell interessanter aus. Einen besseren Support als bei der Konkurrenz jenseits des Gotthards, findet man beim FC Locarno von den humorvollen und chaotischen Cirrosi Epathica, beim FC Chiasso von den auch zu 1.-Liga-Zeiten auf Serie-D-Niveau liegenden Giovani Sconvolti, GACS, natürlich bei den Bellinzona Boys von der AC Bellinzona und selbst bei den Fans des mässig erfolgreichen FC Mendrisio, mit der links orientierten Fattanza, North Side. Das Tessin ist im Amateursupport kein gelobtes Land, auch hier sind es häufig nur 15 Personen die regelmässig ihren Verein unterstützen, aber trotzdem ist die Häufung der dortigen Fanszenen im Amateurbereich verblüffend. Teilweise (Locarno, Chiasso) stehen dort noch die gleichen Personen hinter der Bande wie zu Beginn der 2000er-Jahre bei den legendären Fan-Ausflügen mit dem FC Kreuzlingen ins Tessin.

Wie sieht es in Grenznähe aus? Beim vormaligen FC Konstanz versuchten immer wieder Studenten-Gruppen für Stimmung zu sorgen, auch ein humorvoller Fan-Blog entstand (Parole Hecker), war das Studium in Konstanz vorbei, waren dann auch die Fans weg. Beim Arbeiterverein FC Singen hatte es mehr Substanz. Die Lake Constance Maniacs / Hontes Crew sorgt seit bald zehn Jahren für etwas Stimmung im schmucken Hohentwiel-Stadion.

Soweit der kleine Exkurs zu den Fanszenen im Schweizer Amateurfussball und dem näheren Grenzland. Wer etwas zum 4:1-Sieg gegen den FC Uster lesen will, findet mehrere Berichte an dieser Stelle.

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4 Antworten zu Fans im Schweizer Amateurfussball? Ein kleiner Exkurs

  1. Bruno Neidhart schreibt:

    Es ist wirklich ein Novum, an den Rails auf Klein Venedig für einmal eine starke auswärtige Fan-Truppe bei Amateurfussballern zu erblicken. Dabei ist Fussball-Uster selten – und wenn, dann nur kurz – am obersten nationalen Amateurabenteuer beteiligt gewesen. Und auch gegenwärtig sieht es zumindest tabellarisch nicht arg zufrieden stellend aus. Ein Sieg des FCK war also gegeben – sage ich mal. Der FCU wurde in Kreuzlingen quasi „entsorgt“. Warum standen die tapferen Fans auch ausgerechnet hinter dieser Werbetafel! Nun, Uster ist eine freundliche, besonders auch sehr sportfreundliche Stadt. Für viele Formen des Sportbetriebs stehen schöne Sportstätten bereits. So besonders eine moderne „lichtdurchflutete Sporthalle“, die den dunklen Kreuzlinger Versuch im Dreispitz meilenweit aussticht. Und bald wird in Uster die grösste Indoor-Wasserssportszene der Schweiz mit einem olympischen Becken gekrönt. In Kreuzlingen zog so was bekanntlich nicht. Was sagt uns das? Nichts. Oder viel. Man kann wählen!

    Das Ustermer Freiluftstadion aus den 70ern, als Multifunktionsanlage mit Leichtathelik und Fussball geplant, hat sich dagegen nicht weiter entwickelt und ist in die Jahre gekommen. Besonders Fussball funktioniert heute in multifunktionellen Anlagen eigentlich nur noch in sehr grossen Arenen. Fussball wird heute anders zelebriert, Spielfeldnähe ist in. Da haben im Prinzip kleine Anlagen im Amateurbereich sogar Vorteile. Die Frage ist nur: Hat dabei eine etwas gehobenere Zuschauer-Infrastruktur Einfluss auf die Zuschauerzahlen? Die Frage ist zumindest am Obersee-Ende nicht zu beantworten, da sich die Sache weder in Kr noch in Ko überprüfen lässt! Vielleicht muss „gehoben“ sowohl für die Infrastruktur, als auch für das „Dargebotene“ gelten, um Fussball wieder ein Stück „gluschdiger“ zu machen. Mag sein. Schwierig.

    Fans, um nochmals darauf zurück zu kommen, sind bekanntlich dann einer eigenen „Kultur“ zu zu ordnen, wenn sie in Gruppen organisiert sind. Diese Szene hat sich besonders auch publizistisch interessant entwickelt. Von den Vorkommnissen, die mit Fussball nichts zu tun haben, jedoch Fangruppen direkt betreffen, sei hier mal nicht die Rede. Es ist dies auch eine Fan-Kategorie, die hier nicht angesiedelt ist.

    Grundsätzlich ist der Begriff „Fan“ übrigens nicht nur auf die Organisierten unter ihnen zu beziehen. Ich zähle natürlich auch die treuen Klubbegleiter durch gute und weniger gute Tage als Fans, eisern da, bei fast jedem Wetter, mit Schirm, Dächlimütze, stumpen- oder zigarrenbewaffnet, Pausenbratwurst, Bier oder Mineral. Nicht selten sind das „Originale“. Dann gehts über Jahrzehnte. Es gibt viele Beispiele. Und sie müssen nicht mal ausschliesslich einer Männeridee entsprungen sein. Diese Klubanhänglichkeit geht wohl ein gutes Stück über das Interesse am „Fussball an sich“ hinaus und ist unbezahlbar. Für manche Menschen einfach ein Stück ganz wertvolles, gesellschaftliches Leben. Und das ist Fussball ja allgemein – für jung bis alt. Sogar auch mal ohne „Infrastruktur“. Jeder der gespielt hat, weiss das. Die Fans sowieso.

  2. Der erwähnte „nicht organisierte treue Klubbegleiter“ ist wieder eine ganz eigene Spezies im kleinen Fussballkosmos. Die stille Art davon ist in Stadien meist auf der Gegentribüne angesiedelt. Sie gehören ohne Zweifel unbedingt dazu, verwandt sind ihm die „Trainingskibitze“. Selbst beim FCK ist mir ein solcher bekannt, bei Wind und Wetter mit dem Velo zu fast jedem Training, seit Jahrzehnten. Darüber könnte beispielsweise ein Pascal Claude herrliche Miniaturen schreiben. Ein dankbares Thema.

  3. Pascal schreibt:

    Vielen Dank, Dani, für den liebevoll verfassten Überblick.

  4. Playground schreibt:

    „oder beim FC Baden (Dick&Durstig, später Badener Jungs und 54er-Club). Letztere Fanszene sorgt zwar mit regelmässig gegen 50 Fans pro Spiel für einen absoluten Spitzenwert im Schweizer Amateurfussball, hatte aber zumindest einige Jahre mit einem massiven Gewaltproblem zu kämpfen. Auch das ein Alleinstellungsmerkmal der Badener Fans im Schweizer Amateurfussball.“

    Fansituation in Baden:
    – Dick&Durstig immer noch an den Spielen(aber kein Support mehr)
    – Badener Jungs gibt es offiziell nicht mehr
    – Seelefrede (auf der Mittellinie positioniert ab und zu mit einem Hopp Baden, aber kaum Support in der Gruppe)
    – CantonBaden soll als eine Art „Dachorganisation“ der Baden Fans dienen.
    Hinter dem Tor steht zu Hause eine lose Gruppe von ca. 50 Personen.
    Auswärts zur Zeit nicht mehr so viel los wie auch schon, da sind es zwischen 15-20.
    – 54erClub ist kein Fanclub, sondern eine Art „Supportervereinigung“ – http://www.54erclub.ch (dieser hat nichts mit den oben angesprochenen „Problemen“ zu tun – ist aber aus der Fanszene entstanden.

    Durch viele Schikanen durch Polizei und teilweise durch den eigenen Verein wurden die Fans in Baden immer weniger. Es gab Zeiten da gab es 15-20 Stadionverbote und dies ist für so eine kleine Gruppe fast schon tödlich! Zu dem kommt noch der fehlende sportliche Erfolg.

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