Millionen Zuschauer und keiner geht hin

Im Hafenareal gibt es nach dem Spiel eine Tradition. Der Trainertalk im Club-Beizli. Kein mir sonst bekannter Amateurverein veranstaltet sowas. Bereits zu 1.-Liga-Zeiten war er berühmt-berüchtigt. Manche Trainer verweigerten die Teilnahme. Manche fanden vor fünf Personen statt. Heikel sind die anschliessenden Fragen aus dem Publikum, mitunter wird es konfus, so am Samstag nach dem Uzwil-Spiel:

Der „Maestro“ meldet sich zu Wort. Ein Zuschauer, der an der Kasse gerne „Karten für die Nordkurve“ bestellt: „Es gibt Millionen Zuschauer – und dann das!“ und weiter „Es gibt Millionen Zuschauer, keiner versteht etwas!“ Der Moderator: haben Sie eine Frage? „Millionen Zuschauer und keiner hat eine Ahnung!“, wo bleibt Ihre Frage?

Er überlegt – „Ich habe keine Frage“ – wieder Stille.

Eine Kreuzlinger Anhängerin nutzt den ratlosen Moment für einen flammenden Appell. Wir kämpfen doch um jeden Zuschauer, jetzt müssen die Erfolge in die Stadt getragen werden! Begeisterter Applaus. Eine weitere Stimme hebt sich: „Erik Regtop, haben Sie jemals für Servette gespielt?“ Uzwil-Trainer Regtop: „Niemals!“. Ein Kreuzlinger kommt strahlend mit einem Autogramm von Helene Fischer herein. Der Moderator beendet den Abend. Applaus für Kürsat Ortancioglu. Applaus für den FC Kreuzlingen. Schulterklopfen, strahlende Gesichter, es läuft rund. Zwei Gäste sitzen betreten am Tisch. Uzwiler.

Was für ein Spiel. 3:0 gegen den FC Uzwil, 200 Zuschauer trotzten dem Regen, 2 x Andi Qerfozi und ein Traumtor von Uwe Beran, von der Grundlinie reingeschlenzt. Eigentlich unmöglich. Eine alte Kreuzlinger Spielerlegende wirft ein: „Er spielt wie früher unser Kartelo – 1979 gegen Chiasso! Wir hätten die Tessiner fast aus dem Cup geworfen, wären ins Achtelfinale vorgedrungen! Wäre damals Weigel nicht mit Fieber im Tor gestanden, wäre uns kurz vor Schluss nicht die Kondition ausgegangen!“

Aber jetzt könnten Kürsat Ortancioglu und seine Mannen wieder alten Glanz ins Hafenareal bringen. Seine Bilanz nach dem 0:1-Einstand am 4. Februar gegen den FCSG U21: 11 Spiele, 10 Siege, 1 Unentschieden, 30:7 Tore. Qualifikation fürs 1/32-Finale, noch zwei Cup-Runden und das alte Unglück von 1979 wäre getilgt. Kürsat fände das alles übertrieben, er bewahrt einen kühlen Kopf – die treuen Zuschauer träumen schon.

Der FCK-Express rollt weiter: Samstag, 13.05.2017 um 16.30 Uhr Stadion Gründenmoos, FC Winkeln SG – FC Kreuzlingen. Winkeln-Legende Sven Lehmann wartet schon.

Winkeln umzingelt, die Nr. 7 wie einst Kartelo (Foto Gaccioli, Kreuzlingen)

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Eine Antwort zu Millionen Zuschauer und keiner geht hin

  1. Bruno Neidhart schreibt:

    Gäbe es den Titel eines innoffiziellen Frühlingsmeisters, käme der FCK deutlich in die engere Wahl. Die letzten Resultate der ersten Equippe sind blendend. Nun fehlen nur noch die entsprechenden Fangesänge aus deutlich mehr als 200 Kehlen, die von der Arena Steh- und Sitzrampe auf die Akteure und ihre Kunst niederprasseln. Wie wärs mit H.F’s „Atemlos“ angesichts der gegenwärtigen Performance? Die Kunst, oder was man – fussballerisch und gesanglich – dafür hält -, scheint den FCK überhaupt im Griff zu haben. Was sich beim Spielende-Trainertalk im Clubhüttchen so auftat, bestätigt es. Solche Fussballspiel-Nachsitzungen sind fraglos auch welche des Fragens. Wenn jedoch nach Nachfrage keine Frage angekündigt wird und Stille herrscht, ist die Frage nach Kunst bei einer solchen Fragerei endgültig zu stellen: Klares „dada“! Einfach köstlich.

    Zurück zum Fussball: Die Ligaspitze hinter Freienbach scheint sehnlichst auf einen Ausrutscher des gegenwärtigen Spitzenreiters zu warten. Dann käme den letzten sechs Meisterschaftsrunden jene Bedeutung zu, welche Fussball so eminent spannend machen kann (und wo er sich fraglos abhebt von Basel oder München).

    Wie weit sich der FCK im Schlusskampf noch weiter nach oben profilieren wird, ist eine echte Frage ohne Antwort. Der Kontakt zur Spitze ist jedenfalls kräftig eingeläutet. Ich hätte das nicht erwartet – gebe es zu. Auch wenn es wohl kaum zur Kür langen dürfte – was also weiss ich schon! -, könnte sich eine schöne Perspektive für die Spielzeit 2017/18 auftun. Das wiederum hängt allerdings von vielen, ohne Zweifel diesmal „echten Fragen“ ab. Besonders um diese: wie steht es in der kommenden Saison um die derzeit erfolgreichen Stammspieler. Bleiben/Wandern? Noch ist Zeit zur Stille. Irgendwann werden Würfel fallen. FCK-Fussballkunst im Aufwind? Hoffnung: „fraglos“!

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